Wir schreiben den 26. Dezember 2007, wie jedes Jahr letzter Weihnachtsfeiertag des Jahres, morgens um halb vier in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Das Punkkonzert war spitze und auch der umgebende Abend lustig und entspannt. Gute Musik, nette Leute, keine Drogen. Auf der Heimfahrt sind die Straßen verlassen, trotzdem biege ich am Hauptverkehrsknotenpunkt vorsichtig ab und fahre auch danach langsam, da hinter mir ein Fahrzeug der Schnittlauchbande auftaucht. Keine paar Sekunden später Lightshow in blue in der Heckscheibe. Scheinbar hatten meine Verfolger ihren Bedarf an sozialen Kontakten für diese Nacht noch nicht gestillt und ich wäre doch der Letzte, der ihnen dieses Anliegen verwehren täte, also fahre ich rechts ran. Irgendwas mit "Aussteigen" und "Verkehrskontrolle" schallt mir entgegen. Weil ich guter Dinge bin zeige ich freundliches Entgegenkommen und reiche meine Papiere. Auch bekomme ich die Gelegenheit zum ersten Mal in meinem Leben ein Röhrchen zu enttüten, in ein Gerät einzustecken und zu blasen bis es der Fahrerin des Lichtorgelwagens genügt. Meiner guten Laune tut dies keinem Abbruch, schliesslich soll man ja jeden Tag mal etwas machen, was man noch nie zuvor im Leben getan hat. Etwas. Dieses Wörtchen macht den Rat zur guten Tat und gerne hätte ich es bei dem Etwas belassen, aber da ist ja noch dieser Staat, der es ab und zu gerne mal übertreibt.
Trotz 0,0 Promille, ja wenn der Typ keinen Alkohol trinkt wollen wir doch mal sehen was er dann intus hat, muss ich mir nun die Frisur stützen und ein kleines grünes Männchen pinselt mir mit einem weiteren Testutensil aus seiner Zauberkiste ein Stück der Schweiss-Nikotin-Kruste von meiner Stirn. Es versucht mir irgendwas zu erklären, ich frage ob ich nun schwanger bin und lasse unsichtbare Balken zu roten Balken werden. Aus dem lichtorgelndenden Zauberwagen des Trachtenvereins klingt A, "Somethings going on..." Trotzdem das Schauspiel nun einen Soundtrack hat, ist mir kalt. Ein schwachrosa Balken bei XTC bringt den mir gegenüberstehenden Revieroberst zuerst auf die Idee, nun erneut mit seinem angeblich bisher immer 100 % richtig anzeigenden Testgerät an mir herumzupinseln, diesmal zwischen meiner Achselbehaarung, und wenig später mich doch mal einzupacken und in seine Höhle mit dem Namen Dienststelle Süd zu schleppen, um mir dort Blut abzuzapfen. Schlechte Idee sage ich, es ist mittlerweile um vier, es sind noch weniger Grad Aussentemperatur, ich zitter vor Kälte und Aufregung, ich habe Hunger und bin müde. Den üblichen Kreislaufkollabs nach Blutabnahmen wird das nicht gerade an Wirkung entschärfen. Da ich garantiert keine Drogen in mir habe, schlage ich vor meinen ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen und nach Hause zu fahren. Denkste sagen die Uniformierten und laden mich auf eine Spritztour ein.
Das Geld für den Arzteinsatz zur Blutentnahme würde ich zurückbekommen wenn der Bluttest negativ ausfällt werde ich getröstet. Darauf erkundige ich mich nach nicht vorhanden Entschädigungen für die nächtliche Freiheitsberaubung und den Eingriff in meine körperliche Unversehrtheit und hole Informationen für die gerichtliche Weiterverfolgung ein. Weitere Versuche des Ordnungsvolks, den Vorfall ins Belanglose abdriften zu lassen folgen als Kommentar zum Blutaufnahmebehältnis: "Mir wurden schon viel größere Teile entnommen". Mich wunderts derweil, wie man dieses schon sehr eingeschränkte, aber doch halbwegs humanoide Verhalten auch ohne Gehirn produzieren kann. Ich zittere mir aufgrund des vor Verärgerung weiter vor sich hinschwallenden Adrenalins gut einen ab und erkläre den Anwesenden das es mir sonst eigentlich nur so geht wenn ich Nazis sehe. Der Arzt kommt, ich beschwere mich weiter, doch er kann nicht urteilen und darf nichts wissen, denn er ist nur Beauftragter der Polizei. Blutentnahmen werden falls verweigert unter Zwang durchgeführt, die Verfassung des Gebers darf vom Arzt medizinisch nicht beurteilt werden, wird mir entgegengeplautzt, allein die Regierenden im Zeichen des Wirsings entscheiden. Toller Staat, prima Pozelei. So soll es denn so sein, ich werde abgezapft, der Kreislauf hält sich wahrscheinlich adrenalinbedingt diesmal sogar stabil. Dann noch ein paar doofe Fragen die ich exakt beantworte, zum Beispiel mit "3 Doppelkekse Prinzenrolle mit Schokoladenfüllung" und ich darf aufstehen und bekomme zu hören das ich noch bis zur Tür begleitet werde.
Moment. Bis zur Tür? Ich konnte mich nicht erinnern dort angeklopft und nach einem Bluttest verlangt zu haben, also möchte ich gerne zu meinem Wagen zurückgebracht werden. Herr Denkekaumbegreifeselten fühlt sich von meinem Wiederhinsetzen provoziert und meint ich mache mich lächerlich und solle jetzt gehen. Ein paar scharfe Worte zur Verdeutlichung seiner Pflichten und auch er scheint einzusehen, dass die Zeiten in denen man Leute nachts irgendwo abgeholt, hinverschleppt, ausgefragt, ausgeblutet und dann morgens um 5 bei 2 °C woanders wieder in die Landschaft gesetzt hat, vorbei sind. Ich muss noch unterschreiben, das ich angenommen eines Schadensfalles im Polizeifahrzeug auf dem Rücktransport keine Ansprüche gegenüber dem deutschen Staat habe ( Merke: zur Polizeiwache hin gehts mit Versicherung aber zurück gehts als Freiwild, auch wenn man unschuldig ist) und werde zurückchauffeuriert. Vielen Dank sage ich und fahre der aufgehenden Sonne entgegen mit was auch immer im Blut oder auch nicht nun endlich nach Hause.
Einige Nachrecherche brachte mich nun zu dem Ergebnis, dass vieles doch sehr seltsam vorgegangen ist, so ist fraglich ob das rauswinken zu danach angekündigter „Verkehrskontrolle“, welche ausserhalb von begründetem Verdacht eigentlich nur an festen Kontrollpunkten durchgeführt werden darf, rechtmässig war. Auf alle Fälle hätte ich nach einem Grund dafür fragen sollen. Weiterhin ist die Durchführung des Drogen-Wischtests „Drugwipe“ fraglich, da bei mir eigentlich keine Anzeichen von Drogeneinfluss sichtbar gewesen sein sollten. Der angeblich 100% verlässliche Wischtest liefert in seinen Ergebnissen, speziell für Ecstasy und je nach Version des Tests eine Fehlerquote zwischen 10 und 20 Prozent, danach braucht man nicht lange im Internet zu suchen. Allein ein positives Ergebnis dieses Tests als Vorraussetzung für eine Blutabnahme und damit einen Gebrauch von §10 ThürPAG, ( Eingriff in die Freiheit meiner Person und meine körperliche Unversehrtheit) zu rechtfertigen kann eigentlich nicht toleriert werden. Auch Angaben zur Einahme von Medikamenten, welche den Test evtl. beeinflusst haben können, wurden ignoriert und nicht beurteilt. Da keine weiteren Tests meiner Koordinations und Reaktionsfähigkeit stattgefunden haben bzw. Drogeneinfluss angezeigt haben und auch ein Urintest trotz meiner Beschwerden über den Bluttest nicht angeboten wurde, fragt sich ob hier die Verhältnismässigkeit §4 Art. 1 ThürPAG gegeben war und warum mir eine Wahl der Mittel nach §4 Abs. 2 Satz 2 verweigert wurde. Bei vielen Vorgängen blieben zusätzlich schlicht die Informationen aus, worin auch Amtspflichtverletzung seitens der Polizei gesehen werden kann. In Ordnung war da also nichts, aufgrund von schwammigen Verdachten bis zur Zwangsandrohung zu schreiten ist meiner Meinung nach zu heftig. Auch eine Polizei sollte schliesslich nicht alles dürfen. Bis heute habe ich übrigens von der Polizei keine Nachricht über das Ergebnis des Tests erhalten.
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