Submitted by matze on Sun, 2009-03-08 22:30
Seit geraumer Zeit bewohne ich ein Zimmer, welches mir den Vorzug gewährt, die Hälfte der Bahnsteige des örtlichen Bahnhofs einzusehen. Eine angenehme Bereicherung, schafft sie mir doch die Illusion der Einbindung in ein konstantes soziales Leben ausserhalb meines Single-Appartments. Ich freue mich jedes Morgens erneut vertraute Gesichter am Bahnsteig wiederzuerkennen und fühle mich ein bisschen als Teil der Bahnpendelnden. Eine Dame jedoch bereitete mir selbst auf diese Distanz keine Freude. Denn sie stand immer da. Wenn ich die Rollos morgens öffnete inspizierte sie mein verschlafenes Gesicht, wenn ich sie abends müde schloss war sie immer noch da und wenn ich einfach am Tag verträumt aus dem Fenster schaute, starrte sie scharf zurück. Sie war die Netzwerkspezialistin der Deutschen Bahn. Zweidimensional, leicht überlebensgroß auf einem Werbeplakat auf Gleis 2, mit diesem Mona Lisa Blick, der einem die Ruhe nimmt. Was sollte ich tun, ich freundete mich notwendigerweise mit ihr an und ließ sie gucken, wenn auch nicht gern. Heute, zwei Monate nach dem ersten Blickwechsel, kam der große Moment. Der Bahnsteig war leer. Wo sie stand , nun ein tiefes Blau und eine Wasserflasche. Sie nahm den letzten Zug. Und ließ ihren Müll einfach stehen.
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